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20 Januar 2021
„Fußgängerisierung“ – ein in Kelowna, Kanada, erprobtes Umgestaltungskonzept für den städtischen Raum
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In ganz Nordamerika bemühen sich Städteplaner, Innenstadtreferenten und Gesundheitsexperten intensiv um Lösungen zur kreativen Gestaltung des öffentlichen Raums, um das in Coronazeiten angezeigte Social Distancing zu ermöglichen. So sollen beispielsweise Radwege eine infektionstechnisch sichere Alternative zum ÖPNV bieten und fußgängerfreundlich gestaltete Räume wie z. B. Straßen in Stadtzentren die nötigen Freiräume schaffen, um sicher einkaufen zu können. Hauptverkehrsadern wie die im Stanley-Park in Vancouver wurden geschlossen, um Menschen die Möglichkeit zu bieten, sich auch in diesen schwierigen Zeiten draußen zu bewegen.

Fußgängerisierung bedeutet, Straßen oder andere städtische Infrastrukturen nur für Fußgänger zugänglich zu machen

Das soll die Erreichbarkeit von Orten und die Mobilität von Fußgängern verbessern und innerstädtische Räume für den Einzelhandel attraktiver und durch optische Aufwertung, Beseitigung von Umweltbelastungen wie Lärm und Abgasen und Vermeidung von Verkehrsunfällen mit Fußgängern zugleich auch lebenswerter machen.

Mehrere Monate nach Beginn der Pandemie werden jetzt erste Beispiele für einen solchen Wandel in den Straßen unserer Innenstädte sichtbar. In Kelowna, einer mittelgroßen Stadt vor malerischer Gebirgskulisse in der kanadischen Provinz British Columbia, haben sich Städteplaner intensiv mit dem Thema beschäftigt.

Eine zugleich fußgängerfreundliche und konjunkturbelebende Maßnahme

So wurde Ende Juni 2020 die mit ihren vielen Läden, Bars und Restaurants stark frequentierte Haupteinkaufsstraße von Kelowna, die Avenue Bernard, zur ausschließlichen Fußgängerstraße umgestaltet. Laden- und Restaurantbetreibern bot sich damit die Möglichkeit, ihre Nutzflächen mit Stadtmobiliar und Außensitzbereichen zu erweitern. In der Mitte der Straße wurden separate Fußgänger- und Radfahrerstreifen eingerichtet. Die Maßnahme läuft noch bis zum zweiten Septemberwochenende.

 

Fußgängerisierung: belebte Außensitzbereiche in der Avenue Bernard in Kelowna

Eigene Bereiche für jede Nutzergruppe: Gastronomie/Einzelhandel, Radfahrer und Fußgänger

 

Diese Maßnahme ist nicht die erste fußgängerfreundliche Umgestaltung der Avenue Bernard. Vor einigen Jahren wurden hier im Rahmen eines Programms zur Wiederbelebung der City bereits die Bürgersteige auf 4,5 m Breite vergrößert, um mehr Platz für Fußgänger zu schaffen. Um die Auswirkungen von Infrastrukturmaßnahmen dieser Art bewerten, die Entwicklung der Radfahrer- und Fußgängerzahlen in dem umgestalteten Bereich nachverfolgen und alle Beteiligten informieren zu können, verfügt die Stadt Kelowna über eine Reihe automatischer Personenzähler, deren Daten über unsere öffentliche Website frei zugänglich sind.

Nach dieser ersten Erfahrung nahm die Stadt Kelowna jetzt die Gelegenheit wahr, ein datenbasiertes Konzept zur Fußgängerisierung der Avenue Bernard zu entwickeln. Dabei ging es vor allem darum, wie eine solche Maßnahme sinnvoll umgesetzt werden kann, und darum, die Antwort samt dazugehörigen langfristigen Empfehlungen an den Stadtrat zu übermitteln. Wie geht man eine Straßenschließung am besten an? Was bedeutet eine solche Maßnahme für die Unternehmen? Wie kann man eine dauerhafte Schließung für alle Betroffenen verträglich gestalten?

 

Die Stadt hat 6 PYRO-Box-Personenzähler eingesetzt, um an mehreren Stellen der Straße zwei Zähllinien aufzubauen. Zwei dieser PYRO-Boxen erfassen die Fußgänger auf den beiderseitigen Bürgersteigen, eine PYRO-Box mit zwei Erfassungsrichtungen misst den Verkehr in der Straßenmitte. Mit diesen beiden Zähllinien können sich die Verantwortlichen der Stadt ein gutes Bild vom Besucheraufkommen in der Straße machen. Da bereits im vorigen Sommer eine Linienzählung in der Avenue Bernard durchgeführt worden war, lassen sich aussagekräftige Datenvergleiche zwischen beiden Jahren anstellen.

 

Ein belebtes Außen-Sitzareal im sommerlichen Kelowna

 

Bereits einen Monat nach Projektstart konnte ein beeindruckendes Fußgängeraufkommen in der Straße verzeichnet werden. Die Zähler waren eine Woche zuvor installiert worden, um die Auswirkungen vor und nach dem Projektstart zu erfassen: Gleich bei Projektstart am 29. Juni gingen die Zahlen rasant nach oben.

Im Durchschnitt waren die Besucherzahlen doppelt so hoch wie im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Nach Angaben des neuen Nahmobilitätsbeauftragten der Stadt, Matt Worona, ist das, was 2019 noch ein Rekordtag war, 2020 ein „normaler“ Donnerstag. An dem besucherstarken Wochenende des 4./5. Juli beispielsweise lag das Aufkommen bei ca. 25.000 Besuchern pro Tag gegenüber 10.000 im Vorjahresvergleich. Die Daten werden täglich analysiert und einer Qualitätsprüfung unterzogen, bei der der durchschnittliche Wettereinfluss und die Differenzen zwischen normalen Wochentagen und Feiertagen für 2019 und 2020 ermittelt werden.

 

2020 und 2019 im Vergleich: Besucherzahlen der Avenue Bernard in Kelowna

Kommunikation mit den Unternehmen und der Öffentlichkeit

Tagtäglich werden die Fußgängerzähldaten einschließlich Vorjahresvergleich an den örtlichen Wirtschaftsförderungsdistrikt (BID) weitergeleitet, um mehr Transparenz zu schaffen und die ökonomischen Auswirkungen der fußgängerfreundlichen Umgestaltung deutlich zu machen. So werden die ortsansässigen Unternehmen in das Projekt einbezogen und können ihre Geschäftstätigkeit besser an die Infektionsschutzmaßnahmen und die höheren Besucherzahlen anpassen. Bei rückläufigen Einzelhandelsumsätzen kann die Stadt aufzeigen, dass diese nicht auf sinkende Besucherzahlen, sondern vermutlich auf andere pandemiekorrelierte Faktoren zurückzuführen sind, und hat bei steigenden Verkaufszahlen umgekehrt Zahlenargumente für das Projekt.

Langfristig können die Fußgängerzähldaten als Leistungskennzahlen (KPI) für die Erfolgsbewertung des Projekts eingesetzt werden. Sie sollen künftig in Verbindung mit anderen KPI – z. B. Kundenzufriedenheitsbefragungen im Einzelhandel und eine Studie über das Leben im öffentlichen Raum – ausgewertet werden, damit Matt und sein Team neben den anderen in der Anfangsphase aufgeworfenen Fragen insbesondere die nach der bestmöglichen Umsetzung einer Straßenschließung beantworten können.

 

Photo credits: Matt Worona, City of Kelowna

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